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Zwischen Herbstsommer, Mottenkrieg und Kaffeekatastrophe

  • Kera Jung
  • 24. Juli
  • 4 Min. Lesezeit

Es ist Juli. Angeblich.

Draußen herrscht eine Art Herbst auf Probe, und in meinem Arbeitszimmer scheint die Wärme beschlossen zu haben, grundsätzlich vor der Tür zu bleiben. Ich sitze hier im Wollpullover und frage mich, ob ich den Kalender falsch herum aufgehängt habe. Vielleicht kommt der Frühling ja noch. Irgendwann im Oktober.

Während das Wetter orientierungslos zwischen den Jahreszeiten pendelt, wächst mir die Arbeit langsam, aber zuverlässig über den Kopf.

Beim neuen Roman stecke ich mittendrin. Zumindest theoretisch. Praktisch braucht er gerade deutlich länger als geplant, weil Handlung, Figuren und mein eigener Kopf extreme Verwirrung stiften. Ich weiß, wo die Geschichte hinwill. Ungefähr. Wahrscheinlich. Die Figuren wissen es vermutlich auch, sind aber ganz anderer Meinung als ich.

Das ist diese wunderbare Phase beim Schreiben, in der man gleichzeitig fest davon überzeugt ist, dass alles großartig wird, und sich fragt, ob man jemals wieder einen vernünftigen Satz zustande bringt. Ich nenne das inzwischen kreative Orientierungslosigkeit. Das klingt deutlich professioneller als: Ich tappe im Dunkeln und suche verzweifelt nach dem Lichtschalter.


Neben dem Schreiben gibt es natürlich noch all die kleinen Dinge, die ein Buch heute so mit sich bringt.

Grafiken. Werbebilder. Trailer. Noch mehr Grafiken. Und neuerdings Charaktercards, weil einfache Buchwerbung inzwischen als zu erholsam gilt. Für jede Geschichte entstehen Bilder, Schnipsel, Videos, Covervarianten und kleine Einblicke, damit ihr nicht nur den fertigen Roman seht, sondern auch ein bisschen von dem Weg dorthin mitbekommt.

Ich mache das wirklich gern. Ehrlich.

Aber es gibt Momente, in denen ich Photoshop öffne und das Programm mich vermutlich genauso erschöpft ansieht wie ich es. Trailer sind dabei die Königsklasse des gepflegten Wahnsinns. Erst braucht man die passenden Bilder. Dann Musik. Dann Bewegung. Dann Übergänge. Dann stimmt die Schrift nicht. Dann sitzt ein Bild eine halbe Sekunde zu lang. Dann funktioniert plötzlich etwas nicht mehr, das gestern noch völlig problemlos funktioniert hat.

Und irgendwann, viele Stunden später, ist ein Video fertig, das zwölf Sekunden dauert.

Alles für euch. Mit Liebe, Kaffee und gelegentlich sehr unromantischem Fluchen.


Immerhin ist das neue Buch der Woche bereits eingezogen: White Pearls And True Lies darf sich aktuell wieder ins Rampenlicht rücken.

Eine Aufgabe abgehakt.

Bei der Abstimmung im Lesezimmer gibt es eine neue Option.

Die Website lebt ebenfalls noch, und trotz aller Widrigkeiten bewegt sich auch der neue Roman weiter. Langsam vielleicht, aber langsam ist immer noch besser als gar nicht. Das Anschreien von Geschichten und Protas hat sowieso nur begrenzt Effekt. Ich habe es getestet.


Mein privates Leben trägt währenddessen ebenfalls zuverlässig zur allgemeinen Unterhaltung bei.

Ich müsste zum Beispiel dringend wieder meine Haare schneiden lassen. Gleichzeitig bin ich auf TikTok über mehrere Videos gestolpert, in denen Menschen behaupten, man könne das ganz einfach selbst erledigen.

TikTok ist in solchen Dingen erstaunlich überzeugend.

Man sieht eine Frau, die ihre Haare mit drei Gummibändern zusammenbindet, einmal mit der Schere schnippt und anschließend aussieht, als käme sie direkt vom Friseur. Natürlich denke ich dann: Das kann ich auch.

Kann ich vermutlich nicht.

Aber sollte ich es versuchen und anschließend aussehen, als hätte mich eine schlecht gelaunte Heckenschere angegriffen, gibt es immer noch den Zopf. Oder eine Mütze. Der nächste Winter kommt bei diesem Wetter wahrscheinlich sowieso bereits nächste Woche.

Weniger amüsant ist die Mottensituation in meiner Küche.

Gestern habe ich wieder eine gefunden.

Inzwischen ist alles geschlossen, versiegelt, eingefroren oder auf andere Weise geschützt. Meine Vorräte leben sicherer als manche Wertgegenstände. Mehl, Reis, Nudeln und alles, was eine Motte theoretisch interessant finden könnte, befinden sich in luftdicht verschließbaren Dosen, Gläsern, Gefrierfächern oder unter strengster Beobachtung.

Und trotzdem tauchen sie auf.

Ich beginne langsam, ihnen organisatorisches Talent zu unterstellen. Vielleicht besitzen sie einen geheimen Versorgungstunnel. Vielleicht ernähren sie sich längst nicht mehr von Lebensmitteln, sondern ausschließlich von meinen Nerven.

Die eigentliche Frage lautet inzwischen nicht mehr: Was essen diese Biester?

Sondern: Wie lange überleben sie ohne Nahrung – und wo zum Teufel verstecken sie sich?


Zwischen Mottenjagd und Romanchaos ereignete sich außerdem die große Kaffeekatastrophe.

Eine komplette Tasse ergoss sich über meinen Schreibtisch. Natürlich nicht auf eine freie Stelle. Das wäre zu einfach gewesen. Der Kaffee traf die Tastatur, Unterlage (Totenkopf und die aus Leder) Zettel, Unterlagen und alles, was sich sonst noch in Reichweite befand.

Der Vormittag verwandelte sich daraufhin spontan in eine umfassende Putzaktion. Wischen, trocknen, retten, fluchen, erneut wischen und sehr vorsichtig prüfen, ob die Technik noch lebt.

Sie lebt.

Ich ebenfalls.

Die Zettel sehen teilweise aus, als wären sie absichtlich auf alt getrimmt worden. Vielleicht sollte ich behaupten, das sei ein neues Designkonzept.

Mein Rücken ist von all dem allerdings weniger begeistert. Offenbar ist stundenlanges Sitzen mittlerweile eine Extremsportart, für die ich weder trainiert habe noch besonders geeignet bin. Er beschwert sich inzwischen bei jeder Gelegenheit und erinnert mich zuverlässig daran, dass ich mich mehr bewegen sollte.

Ich höre ihn und ignoriere ihn sehr konzentriert.

Trotzdem geht es weiter. Die Aufgabenliste wird nicht kürzer, aber immerhin werden die Häkchen mehr. Das neue Buch der Woche ist online. Die Website auf dem aktuellen Stand, der Newsletter geht heute noch raus. Der Roman wächst, auch wenn er sich gerade ein wenig bitten lässt. Und zwischen all den Grafiken, Trailern, Charaktercards, Motten und Kaffeeflecken entsteht am Ende doch wieder etwas, das vorher nicht da war.

Vielleicht ist genau das der eigentliche Zauber dieser Arbeit.

Nicht der perfekte Plan. Nicht der völlig aufgeräumte Schreibtisch. Und ganz sicher nicht ein Alltag ohne Chaos.

Sondern dieser Moment, in dem aus wirren Gedanken langsam eine Geschichte wird. Aus einzelnen Bildern eine Stimmung. Aus einer Figur ein Mensch, den man nicht mehr vergessen möchte.

Bis dahin trage ich eben einen Pullover im Juli, bewache meine Nudeln und halte die Kaffeetasse künftig etwas weiter von der Tastatur entfernt.

Zumindest ist das der Plan. Und bei all dem Chaos bin ich nicht allein.


 
 
 

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